Institut für Palästinakunde
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Israelische Bulldozer zerstören 1.500 Bäume eines palästinensischen Koexistenzprojekts [26.05.2014]

Baumschnitt a la Israel (Qaryut) von Rolf Verleger

1) DIE NACHRICHT
Auf einem ca. 1 Hektar (100 m x 100 m) großen Grundstück der Familie Nassar in einem Tal bei Bethlehem haben am Montagmorgen (19. Mai) Bulldozer der israelischen Besatzungsmacht hunderte dort vor zehn Jahren gepflanzte junge Apfel- und Aprikosenbäume und Weinstöcke ausgerissen und planiert. Ein juristischer Grund für diese Aktion bestand nicht.


2) WARUM?
Man fragt sich, warum der Staat Israel seinen Jüdischen Nationalfond überall Bäume pflanzen lässt, aber zu anderer Gelegenheit die Bäume, die schon gepflanzt sind, herausreißt.
Meine Antwort darauf steht unten.

3) SPITZE DES EISBERGS
Leider ist dies nicht der einzige derartige Vorfall, bei dem israelische Siedler oder israelisches Militär den palästinensischen Bewohnern ihre Lebensgrundlagen entziehen. Hier ist es aber so, dass zu den Besitzern dieses Landes der Familie Nassar - insgesamt wohl 42 Hektar - Daoud Nassar gehört. Dieser hat in Deutschland studiert und betreibt auf diesem Land seine Begegnungsstätte "Tent of Nations".
Wohl daher berichtete der Deutschlandfunk darüber, bereits am 20.5.

4) MEHR INFORMATION:
Fotos "vorher-nachher" finden sich auf den englischsprachigen Seiten:
Today at 0800, Israeli bulldozers came to the fertile valley where we planted fruit trees
Israeli forces destroy 1,500 fruit trees near Bethlehem

Zumindest eine deutsche Zeitung hat ausführlicher berichtet, die Südwestpresse (21.5.):
Dann rollten die Bulldozer

5) DARUM.
Warum reißt Israel einerseits Bäume heraus und pflanzt andererseits welche?
Der gemeinsame Nenner ist: Beides sind Maßnahmen für das Ziel "Wie kriegen wir am besten die Araber weg?".
Israels Regierung und die sie stützende Bevölkerungsmehrheit möchten keine palästinensischen Bäume. Sie möchten nur jüdische Bäume.

So schrieb ein Ex-Knesset-Abgeordneter namens Yaakov Katz in einem Offenen Brief vom 16. 5.14 an den US-Diplomaten Martin Indyk als Reaktion auf das Scheitern der von Kerry moderierten Verhandlungen:

"Ihnen gegenüber [den mit Recht und Gesetz argumentierenden Unterstützern des Zionismus wie Indyk, R.V.] stand die Ansicht jener, die begriffen, dass keine Hoffnung darauf bestand, die Welten der Christen und Muslime ... von der Berechtigung unserer Forderungen das Land betreffend zu überzeugen. Entsprechend müssen wir uns darauf konzentrieren, durch unermüdliche Landwirtschaftsarbeit, durch die Errichtung neuer Siedlungen in isolierten und Randgebieten, durch den Aufbau einer Verteidigungskraft, durch die Expansion der Industrie, durch Kreativität und Bildungsinstitutionen wie Jeschiwot und Universitäten Fakten im Feld zu schaffen."
(Rückendeckung für Siedler, Pioniere und Helden; Hervorhebungen von mir)

Errichtung neuer Siedlungen, Fakten im Feld. Genau das ist das Programm. Auch für die Bäume.

Der Witz an diesem Zitat ist das, was ich weggelassen habe. Normale Menschen würden nämlich annehmen: der Grund dafür, dass man niemanden von der Berechtigung der israelischen Land-Wünsche überzeugen kann, ist, dass diese Wünsche eben nicht berechtigt sind: keine Rechtsgrundlage haben.

Nicht so Herr Katz, denn dann müsste man ja einige palästinensische Bäume stehen lassen.
Das Zitat lautet vollständig: "die Welten der Christen und Muslime angesichts des sie dominierenden Hasses auf unser Volk und unsere Religion von der Berechtigung unserer Forderungen das Land betreffend zu überzeugen".
Der Grund dafür, palästinensische Bäume auszureißen, ist, dass sie die Israelis hassen!
Diese Weltsicht ist in sich geschlossen, da kann man nicht mehr argumentieren.

6) WAS KANN MAN TUN?
a) Man kann Daoud Nassar direkt schreiben: dnassar@tentofnations.org
b) Man kann Petitionen an die israelische Regierung unterzeichnen: Compensate and replace the trees destroyed by the military on the Nasser Family land (change.org), Benjamin Netanyahu, Avigdor Lieberman, Benny Gantz: "We refuse to be enemies" - Lasst das Friedenswerk "Tent of Nations" leben! (avaaz)
c) Man kann daran arbeiten, den Graben zuzuschütten, der in Deutschland die "außenpolitische Elite" und die breite Öffentlichkeit trennt (so kürzlich treffend von Außenminister Steinmeier bemerkt), auch und besonders im Palästinakonflikt. Das bedeutet, dass wir es in Deutschland der "Elite" ein wenig schwieriger machen sollten, den israelischen Landraub durch beschwichtigende Gesten weiter zu decken; vielmehr sollte der internationale Druck auf Israel weiter erhöht werden. Die EU-Förderrichtlinien (die die besetzten Gebiete ausdrücklich ausnehmen) und die jüngste Aufhebung der Rabatte für Schiffsverkäufe an die israelische Marine sind gute Ansätze, aber dies reicht offensichtlich leider noch nicht.

Ziel deutscher Politik sollte sein, dass Israel die Palästinenser wegen ihrer Vertreibung und Enteignung 1948 um Verzeihung bittet und sein Verhalten entsprechend ändert. Das können deutsche Politikerinnen und Diplomaten auch mal so formulieren anstatt bis zum letzten Baum darauf zu warten, dass solche Menschen wie Netanjahu oder der oben zitierte Katz von alleine zur Vernunft kommen.

 (ts)

Ergänzende Links:
Today at 0800, Israeli bulldozers came to the fertile valley where we planted fruit trees (mweiss)
Compensate and replace the trees destroyed by the military on the Nasser Family land (change.org)

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