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Brief an den NRW-Landtagsabgeordneten Hr. Lorenz Deutsch wegen des vermeintlichen Antisemitismus-Skandals bei der Ruhrtriennale 2020 [18.04.2020]

Betreff: Ihr Brief an Frau Carp / Ruhrtriennale "Antisemitismus keine Plattform bieten"

Lorenz Deutsch
Platz des Landtags 1
40221 Düsseldorf
lorenz.deutsch@landtag.nrw.de

Sehr geehrter Herr Deutsch,

ich beziehe mich expemplarisch auf einen Auszug Ihres Briefes (s.u.). Sie haben Philosophie studiert und machen dieselben Anfängerfehler, wie sie in der pro-israelischen Hasbara-Szene gang und gäbe sind, wenn es um Vergleich, Gleichsetzung usw. geht.

Ich weiß nicht, ob Sie das mitbekommen haben, in der Philosophie wurde, um hier die gröbsten Missverständnisse zu vermeiden, für die Aussagenlogik, das sog. Mutter-Theresa-Sophia-Loren-Theorem entwickelt. Kann sein, dass ich es in einem Text der Gesellschaft für Analytische Philosophie gelesen habe. Da bin ich mir nicht sicher. Es ging jedenfalls um grundsätzliche methodische Probleme der postfaktischen Debattenkultur in dem Bestreben didaktische Hilfsmittel anzubieten.

Das Theorem geht so: Es gilt die Annahme, die beiden Damen hätten je einen Verehrer und beide lehnen deren Avancen ab. Dann haben beide Damen ein vergleichbares Problem. Niemand wird deswegen aber auf die Idee kommen die Mutter Theresa und Sophia Loren als Personen zu vergleichen oder gar gleichzusetzen.

Genauso, wie man bei den beiden Frauen deren Verlegenheit vergleichen kann, einen unglücklichen Verehrer abzuwehren genötigt zu sein, ist es möglich, zu vergleichen, was Achille Mbembe "zwei emblematische Manifestationen dieser Phantasie der Trennung" nennt, ohne damit (um die Ecke - weil er ja vom südafrikanischen Apartheidssystem spricht) Apartheids-Phänomene in Israel mit der Judenvernichtung der Nazis gleichzusetzen.

Es gibt bei Mbembe keine "Logik der Gesamtargumentation" die in Holocaustrelativierung oder gar Ggleichsetzung mündet. Diese Schlussfolgerungen ergeben sich vielleicht aus der Perspektive des Assoziationsraums in dem Sie möglicherweise befangen sind. Das ist aber nicht das Problem von Herrn Mbembe und hat auch nichts mit Logik und Analyse zu tun. Nicht jede Verknüpfung, die sich im Assoziationsraum spontan herstellt, erweist sich nach entsprechender analytischer Denkbemühung als belastbar.

Auf der Ebene primärer Assoziationen stehen zu bleiben, kann Ausdruck eines sehr oberflächlichen und infantilen Verhaltens sein. Was Sie als "bekanntes Muster" wahrnehmen ist möglicherweise nichts anderes als Ihr Vorurteil, ausgebildet und eingeübt in den Assoziationsräumen, in denen Sie es sich häuslich eingerichtet haben, wenn es um Nahost und Antisemitismus geht. Bei vielen ist das nach meinem Eindruck nichts anderes als Ausdruck eine Mischung aus Denkfaulheit und politischem Opportunismus.

Mit freundlichen Grüßen

Helmut Suttor, 17.4.2020

Zitat:

„Das Apartheidsystem in Südafrika und die Zerstörung von Juden in Europa - letztere jedoch auf extreme Weise und in einem ganz anderen Umfeld - waren zwei emblematische Manifestationen dieser Phantasie der Trennung.“

Dieses Schreiben bietet nicht den Raum die vielfältige Inadäquatheit dieses Vergleiches auszuführen. Nur so viel: Er relativiert nicht nur den Holocaust, er setzt die heutigen Juden Israels in der Logik der Gesamtargumentation an die Stelle der nationalsozialistischen, weißen Verbrecher – ein bekanntes Muster! Es scheint sich zu bestätigen, dass manche mit den toten Juden mehr anfangen können, als mit den lebenden.

 (ts)

Ergänzende Links:
Offener Brief an Intendantin der Ruhrtriennale (ld)

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